Tele-Tandem
Mise en pratique dans les classes partenaires / Umsetzung in den Partnerklassen

Katja Eisenächer
"Tele-Tandem"- Auswertungstagung
Stuttgart, 10.-12. September 2004
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Inhaltsverzeichnis


 
 
1.3 Oldenburg / Soulaire-et-Bourg
(Ingrid Held und Claudie Leray)

Claudie und Ingrid kennen sich seit etwa sechs Jahren. Bereits 2002/03 gab es eine Briefpartnerschaft zwischen einer 7. Klasse Ingrids und Schülern Claudies (jeweils Anfänger). Als "Tele-Tandem"-Partner standen sich 2003/04 Schüler einer 8. Klasse (Gymnasium) und einer frz. Ecole maternelle 26) gegenüber. Aus dieser besonderen Konstellation erhofften sich die Beteiligten einen positiven Lerneffekt durch geringere Hemmungen bzw. Sprachbarrieren während der Zusammenarbeit. 27) Aufgrund technischer und organisatorischer Probleme 28) kam zwar keine synchrone "Tele-Tandem"-Arbeit mit Audio- und Videokontakt zustande, die Partner schickten sich jedoch Mails, Briefe und selbstangefertigte Plakate. So erlernten die frz. Vorschüler den Umgang mit Computer und Internet und erweiterten in diesem Kontext auch ihre muttersprachlichen Kenntnisse, u.a. in Bezug auf Groß- und Kleinschreibung und Zeichensetzung  29) (vgl. 2.1). Sie begriffen den Computer schnell als Instrument der Kommunikation, verstanden später aber auch, dass Kommunikation nicht nur über Worte, sondern auch Zeichnungen oder Gesten ablaufen kann. Bereits im Jahr zuvor hatten die frz. Schüler im Unterricht dt. Bräuche und Sitten thematisiert. Das "Osterfeuer" war bald auch den frz. Eltern ein Begriff und sie konnten schnell für das "Tele-Tandem"-Projekt gewonnen werden ("Ça va nous changer de la visite à la ferme."). Claudie betonte in diesem Zusammenhang, dass das "Tele-Tandem"-Projekt auch dazu beitrug, bei ihren Schülern Toleranz zu schaffen und das Entfernte und Unbekannte nicht grundsätzlich als etwas Gefährliches anzusehen.

Die einzige physische Begegnung der Partner fand im Juni 2004 in Soulaire-et-Bourg statt. Ingrid merkte an, dass dieses Treffen bei ihren Schülern nachhaltig gewirkt hat und dafür sorgte, dass sie am "Französischen trotz obligatorischen Unterrichts dranbleiben werden". Die technische Komponente hatte ihre Französisch-Lerner zu Beginn des Projekts zwar sehr motiviert, doch war durch die auftretenden Schwierigkeiten "irgendwann die Luft raus". Die Fahrt war laut Ingrid unersetzbar, der Kontakt im Vorfeld allerdings wichtig zur Einstimmung und Vorbereitung. Die Begegnung wurde von der Gemeinde und der Stadt Angers (Museen, etc.) umfassend unterstützt. Sie finanzierte z.B. die von den frz. Schülern und einer Tappisserie-Künstlerin gemeinsam hergestellten Wandteppiche, von denen später einer als Gastgeschenk an die dt. Partner überreicht wurde. Auf dt. Seite war in Klassenstufe 8 kein Sprachaustausch vorgesehen 
30), so dass nicht die Bezirksregierung, sondern die Schulleitung der Fahrt zustimmen musste. Ingrid konnte das Unternehmen durch den Projektcharakter rechtfertigen. Tandemarbeit wurde während der Begegnung zu den drei Themen "Körper", "Kleidung" und "Der dt.-frz. Planet" durchgeführt. 31) Zudem standen gemeinsame Besuche zweier Tapisserie-Museen auf dem Programm, wobei die jungen Franzosen ihren Partnern durch Erklärungen behilflich sein sollten.
Während der Begegnung übernahmen die dt. Partner gegenüber den jüngeren die Rolle eines älteren Geschwisterteils ("Les grands allaient chercher leurs petits correspondants et ils se mettaient ensemble en rang devant la porte pour aller à la cantine
32) ) und ließen sich trotz des Altersunterschieds auf die Sing- und Bewegungsspiele ein. Sie lasen ihren jungen Korrespondenten vor, hörten aufmerksam zu und animierten sie. Auch die frz. Schüler nahmen ihre Verantwortung sehr ernst und waren stets um das Wohl "ihres Besuchs" bemüht.33) Claudie sprach davon, dass die "Tele-Tandem"-Arbeit und die Begegnung einen Einfluss auf ihre gesamte Klasse hatten. Zwei ihrer nun ehemaligen 34) Schülerinnen sind beeinträchtigt bzw. behindert. In einem der Fälle war nicht sicher, ob das Kind weiterhin seine angestammte Klasse besuchen kann. Besagte Schülerin hat im Laufe des vergangenen Schuljahres laut Claudie "erstaunliche Forschritte gemacht und sich unglaublich viel Mühe gegeben, sauber zu arbeiten und korrekt zu sprechen" und wird in ihrer Klasse bleiben. Auch die zweite, stark hörbeeinträchtigte, Schülerin strengte sich besonders an. Claudie lobte vor allem das Engagement der dt. Tandempartner, die stets sicherstellen wollten, dass die frz. Partnerinnen deutsche Worte so präzise wie möglich aussprachen.35) Claudie und Ingrid räumten jedoch ein, dass sie das Treffen im Vorfeld idealisiert hatten. Mit der Realität konfrontiert wurden sie z.B. dadurch, dass in den frz. Gastfamilien verhältnismäßig junge Eltern auf Gäste im Teenageralter trafen. Klärungen von Missverständnissen und ein beiderseitiges Aufeinanderzugehen, welches sich nicht immer einfach gestaltete, führten zu wertvollen Erfahrungen – vor allem für die frz. Eltern. Die Gastfamilien gaben sich große Mühe, für ihre Gastkinder interessante Freizeitaktivitäten zusammenzustellen, in die z.B. gemeinsame Ausflüge mit anderen Gastfamilien und Gastschülern integriert wurden. Dadurch verstärkten sich auch die Beziehungen der Dorfbewohner untereinander. Die dt. Schüler wären nach ihrem viertägigen Aufenthalt, den sie laut Ingrid zur Eingewöhnung brauchten, gern länger in Soulaire-et-Bourg geblieben. Während der Heimreise nach Deutschland seien oft spontan französische Sätze gefallen. Einige frz. Familien haben sich nun einen Computer zugelegt und werden den Kontakt mit den ehemaligen dt. Gastschülern über E-Mail aufrecht erhalten. Die deutschen Schüler organisierten in ihrer Schule eine Ausstellung zum "Tele-Tandem"-Austausch.

Auf institutioneller Seite gibt es ebenfalls positive Effekte: Einige Eltern aus Claudies ehemaliger Schule, z.B. Eltern, die beruflich oft mit Deutschen zu tun haben, wollen dass ihre Kinder weiterhin Deutsch lernen. Es sei wichtig, früh damit anzufangen. Werden genügend Eltern mit einer entsprechenden Anfrage aktiv, so Claudie, würde die Education nationale diesem Gesuch auch nachkommen. Claudie erhielt zudem den Auftrag, "vorsichtig bei den umliegenden Grundschulen nachzufragen, welche Fremdsprache die Schüler ab der CE2 lernen wollen." Diese Einrichtungn hängen von einem collège ab, dass Deutsch als Fremdsprache ab der 6ème anbietet. Dies könnte laut Claudie eine "kleine Möglichkeit für die Öffnung und für eventuelle Partnerschaften sein und helfen, das Erlernen der deutschen Sprache anzuregen." Ein Lehrer des collèges in Claudies Sektor ist am "Tele-Tandem"-Projekt interessiert. Es besteht die Möglichkeit, ab 2005/06 die technischen Voraussetzungen für einen zukünftigen Internetkontakt mit dt. Partnern zu verbessern. Auch Ingrid berichtet von begeisterten Eltern und möchte die "Tele-Tandem"-Arbeit fortsetzen. Französisch wird in Niedersachsen ab 2004/05 bereits ab Klasse 6 unterrichtet; Ingrid sucht nun nach frz. Partnern für ihre jungen Französisch-Lerner.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion wurden von den Experten drei Fragen aufgeworfen
36):

1. Wie trägt "Tele-Tandem" zum Fortschreiten des Spracherwerbs bei?
2. Was ist das Besondere an "Tele-Tandem" im Vergleich zu anderen Methoden (auch der "reinen" Tandemarbeit)?
3. Wie ist "Tele-Tandem" übertragbar?


Entscheidender Unterschied zum regulären Unterricht, so Claudie und Ingrid – und hier waren alle Tagungsteilnehmer einer Meinung – ist das Vorhandensein authentischer Kommunikationssituation während der gesamten "Tele-Tandem"-Arbeit. Durch den Einbezug von PC und Internet, im Alltag oft "Spielzeuge", entsteht Realität. Lehreranweisungen wie "Stellt Euch vor..." sind nicht mehr nötig. Die Schüler haben mehr Lust, in der Fremdsprache zu kommunizieren; sie sprechen und handeln gemeinsam mit Partnern, "die die Antworten kennen". Nicht mehr der Lehrer stellt zu Kontrollzwecken die Fragen, sondern jeder Schüler nimmt in seiner Muttersprache eine Expertenrolle ein und kann den wahrhaftigen Wunsch nach Wissen des Partners dadurch am besten erfüllen. Zudem seien sich die dt. Schüler der Bedeutung von Grammatik für eine erfolgreiche Kommunikation bewusst geworden, denn "ob man nun von einer Sache erzählt, die man bereits gemacht hat oder die man gern machen möchte, das ist schon ein Unterschied. Im Klassenraum hätte es diese Einsicht nicht gegeben"
37). Claudie merkte an, dass ihre ehemaligen Schüler auch heute noch die im vergangenen Jahr erlernten Worte spontan rekapitulieren und damit Wortspiele betreiben. 38)

In Bezug auf die Organisation und Absprache der Projektarbeit durch die Lehrer betonte einer der Teilnehmer
39), dass "Tele-Tandem" ohne den "tele"-Aspekt innerhalb eines Schuljahres nicht soweit hätte gedeihen können. Die Übertragbarkeit der Projektarbeit sei nach Claudie bei der Herstellung der Wandteppiche zu spüren gewesen, während derer die Vorschüler auch über mathematische Aspekte 40) nachdenken mussten oder entdeckten, dass man mit den verwendeten Farben, die "Farben der ganzen Welt" darstellen kann. Der dt.-frz. Planet wurde daraufhin "multicolore". Insgesamt brachte es die "Tele-Tandem"-Arbeit mit sich, dass alle Beteiligten nicht nur über die Sprache des Partners, sondern auch verstärkt über die eigene Sprache nachdachten (siehe oben). Claudie fügte später noch hinzu, dass ihre Schüler im Zuge der "Tele-Tandem"-Kooperation gelernt haben, was systematische Vorbereitung bedeutet. "Wenn sie dies mit auf den Weg in die Zukunft nehmen könnten, egal für welches Unterrichtsfach, so wäre das eine große Errungenschaft."

 
 

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